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Der Kommentar
Der Papst in Deutschland
Eine Nachbetrachtung

Die Rede Papst Benedikt XVI. hat in Politik und Medien weitgehenden Zuspruch gefunden. Bei genauerer Betrachtung seiner Rede wird dies aber immer unverständlicher.

Eines vorweg: Der Papst kann seine Leute besuchen, wann und wo er will. Allerdings müssen diese Leute dann auch die Reise bezahlen. Der Besuch kostete aber allein den deutschen Steuerzahler – zwei Drittel davon sind nicht katholisch – an die 25 Millionen Euro. Benedikt kam nicht als Staatsmann, wie er selbst feststellte, sondern als Vertreter der autoritären, undemokratischen katholischen Kirche. In Staatsräumen wie dem Bundestag ist die Rede eines Religionsführers deplaziert. Ein Empfang wie der des Dalai Lama hätte gereicht.

Zur Rede: Sie klingt in einigen Passagen überzeugend; z. B. wenn er sagt: „Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein.“ Oder „Nimm das Recht weg ... und der Staat ist nur noch eine große Räuberbande.“ Oder „Der Mensch kann die Welt zerstören.“ Er sagt aber nicht, dass der Mensch die Welt auch erhalten und weiter entwickeln kann. Hier scheinen Pessimismus und Angst durch; die „Rettung“ kommt nach katholischer Auffassung nur von Gott, vermittelt über die autokratische katholische Kirche.

Sehr positiv, wenn ernst gemeint, ist die Forderung nach einer Befreiung der Kirche von „...materiellen und politischen ... Privilegien“, also von Vorrechten, die in Deutschland immer noch erheblich und teuer sind. Man denke nur an die staatliche Einziehung der Kirchensteuer, an die staatliche Finanzierung der Bischöfe, an die Privilegien im Hochschulbereich, im Militär- und Justizwesen, die staatliche Finanzierung von kirchlichen Kindergärten, der Caritas usw.

Zu den von allen Bundestagsparteien erwünschten Inhalten, etwa wie es mit Europa weiter gehen soll, zum Terrorismus, zur Sozial-, Entwicklungs-, Wirtschafts- und Finanzpolitik, zu Rüstungsexporten usw. sagte der Papst – nichts.

Hauptanliegen des Papstes war die Verteidigung eines „Naturrechts“, das angeblich von Gott gegeben sei und „über“ den von Menschen gemachten Rechtssystemen stehe. Aus ihm heraus, also aus, wie die Kirche interpretiert, von Gott gesetzte Naturrecht hätten sich etwa die Menschenrechte und andere Grundrechte abgeleitet, wie sie z. B. im Grundgesetz stehen. Dies ist aber grundfalsch. Wie auch der Papst wissen muss, wurden diese Rechte im Laufe der letzten Jahrhunderte von weltlichen Humanisten und Aufklärern erdacht, gegen den erbitterten Widerstand der Kirche erstritten und schließlich nach und nach in die Rechtssysteme der europäischen Länder und vieler Länder in der Welt sowie in die UN-Charta eingebaut.

Der schillernde Begriff des Naturrechts wird seit mehr als zweitausend Jahren immer wieder anders verstanden. Die katholische Kirche und mit ihr der Papst leiten daraus in, wie immer, diktatorischer Weise Standpunkte wie die Ächtung der Homosexualität oder die Ungleichbehandlung der Frau ab. Alle gesetzlichen Entwicklungen, die im letzten halben Jahrhundert z. B. in Deutschland zur freieren Sexualmoral, zur Homosexualität, zur Gleichstellung der Frau, zu Schwangerschaftsabbruch u. v. m. erlassen wurden, widersprechen nach Ansicht des Papstes dem Naturrecht und geißelt er deshalb als Abgleiten in eine Kulturlosigkeit in Europa. Ein starkes Stück, das offenbar weder von den meisten Politikern noch von den meisten Medien erkannt wurde.

Die Äußerungen des Papstes während seines Deutschlandbesuches können nur verstanden werden, wenn man um das starr dogmatische Grundprinzip der katholischen Kirche weiß und um die Angst, dass dieses Prinzip zusammen bricht, wenn man daran rüttelt – und damit auch die außerordentliche Macht dieser Kirche.

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Nachtrag:

In Freiburg versammelten sich ca. 30.000 meist junge Menschen unter dreißig Jahren zu einem „Gebetsvigil“ mit dem Papst, obwohl laut einer „Shell-Jugendstudie“ nur noch 23 % der Zwölf- bis 25-jährigen an Gott glauben, im Westen; im Osten viel weniger. Interessant war, dass bei einer Abstimmung unter diesen Leuten vor dem Gebet auf die Frage: „Orientiert ihr euch in euerer Lebensführung an der Meinung des Papstes?“ eine überwältigende Mehrheit mit „Rot“, also mit „Nein“ abstimmte. Trotzdem lauschten sie, innig berührt, den Worten des Papstes.

Ein Widerspruch? Logisch gesehen ja; aber er zeigt auf, dass junge Menschen – und nicht nur sie – gefühlsmäßig angesprochen werden wollen, dass sie sich begeistern wollen, sei es in Woodstock, bei einem Rock-, Pop-, Klassikkonzert, von Politikern wie Willy Brandt oder Mahatma Gandhi, aber auch von selbst ernannten Messiassen, wie die USA zeigen – oder eben vom Papst. Dies gelingt der katholischen Kirche nun schon seit vielen Jahrhunderten. Dies auch bei freigeistigen Vereinigungen zu organisieren ist eine noch zu lösende Aufgabe.

 

Rainer Hamp

 

Wer schrieb die Bibel ?

Das ist doch merkwürdig. Von fast allen Büchern kennt man den Autor. Dies gilt allerdings nicht für die Bücher, die anonym erscheinen mussten, weil ihre Autoren von der Verfolgung durch Kirche und weltliche Machthaber bedroht waren.

Aber die Bibel ? Wer schrieb eigentlich die Bibel, von welcher die Kirchen voller Genugtuung berichten, dass es das am meisten gedruckte Buch der Welt sei ?
(Aber vielleicht doch nicht das am meisten gelesene ?).

Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass die Bibel von Gott gegeben sei und wer etwas anderes sagte, musste mit dem Schlimmsten rechnen.

Allerdings gab es schon sehr früh auch die Überlieferung, dass Moses eben der Urheber der fünf Bücher Mose sei, das Buch der Klagelieder wurde dem Propheten Jeremias und die Hälfte aller Psalmen dem König David zugeschrieben.

Die kritische Bibelforschung hat jedoch zur Frage der Urheberschaft der Bibel in den letzten 200 Jahren bedeutende Erkenntnisse gewonnen, die uns einen Blick hinter die Kulissen erlauben. So können wir heute erkennen, dass bei der Abfassung der ersten Bücher der Bibel auch die politischen und priesterlichen Interessen der damaligen Zeit eine große Rolle gespielt haben.

Die folgenden Auszüge aus dem Buch von Richard Elliott Friedmann : „Wer schrieb die Bibel“ ? (Anaconda Verlag, 2007) fassen die Ergebnisse der modernen Bibelforschung wie folgt zusammen:

Die fünf Bücher Mose : 1) Genesis, 2) Exodus, 3) Levitikus, 4) Numeri und5) Deuteronomium haben verschiedene Autoren und sie wurden zu verschiedenen Zeiten geschrieben.

Die jüdische und die christliche Tradition hat die „Thora“ (hebr. = „Vorschrift“), bzw. das „Pentateuch“ (grch. = „fünf Schriftrollen“) dagegen Moses selbst zugeschrieben, obwohl dies aus den Texten nirgendwo hervorgeht.

Schon früh fand man jedoch erste Widersprüche im Text selbst, vor allem in Form der sogenannten Dupletten, das sind Ereignisse, die merkwürdigerweise gleich zweimal erzählt werden:

·        Ereignisse werden in einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge geschildert an anderer Stelle die gleichen Ereignisse aber in anderer Abfolge.

·        Einmal heißt es, eine bestimmte Sache sei zweimal vorhanden, dann wieder vierzehnmal.

·        Einmal heißt es, die Moabiter seien für eine Aktion verantwortlich, an anderer Stelle waren es die Midianiter.

·        Dann begibt sich Moses zur Stiftshütte, bevor diese überhaupt errichtet worden war.

·        Es werden auch Dinge berichtet, von denen Moses gar nichts gewusst haben konnte und auch von Orten, an denen er niemals gewesen ist.

·        Und schließlich wird sogar von Moses Tod berichtet, was wohl wirklich nicht von ihm stammen kann.

Lange wurden Zweifel an der Autorenschaft von Moses mit dem Argument zurückgewiesen, Moses sei eben ein Prophet und dem sei eben alles möglich.

Doch bereits im 11. Jh. wies Isaak ibn Yashush in Spanien darauf hin, dass eine inI. Moses 36 erscheinende Liste edomitischer Herrscher die Namen von Königen enthielt, die erst lange nach Moses Tod gelebt hätten. Das trug ihm den Spottnamen „Isaak der Tölpel“ ein.

Der erste der aussprach, dass Moses den größten Teil des Pentateuch nicht geschrieben hat, war der englische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert.

Alle Bücher, die dies im Laufe der Zeit behaupteten, wie der Philosoph Spinoza, kamen auf den Index und ihre Verfasser wurden verfolgt.

Heute wissen wir, dass die fünf Bücher Mose eine Zusammenfassung von mehreren noch älteren Quellen darstellen. Dies zeigt sich besonders deutlich an den Dubletten, wenn die gleiche Geschichte zweimal erzählt wird, wie nämlich:

·        Die Erschaffung der Welt

·        Der Bund zwischen Gott und Abraham

·        Die Namensgebung von Abrahams Sohn Isaak

·        Abraham gibt sein Weib Sarah als seine Schwester aus

·        Die Reise von Isaaks Sohn Jakob nach Mesopotamien

·        Die Geschichte von der Himmelsleiter

·        Wie Gott Jakob den Namen Israel gab

·        Wie Mose aus dem Felsen Wasser schlug

Besonders aufschlussreich aber ist, dass Gott in der einen Dublette konstant immer als Jahwe (Jehova), in der anderen Dublette ebenso konstant als Elohim (hebr. Gott) bezeichnet wird. Das wird in der jeweiligen Dublette konstant durchgehalten.In der einen Schöpfungsgeschichte nach der Quelle „J“ heißt Gott 11mal Jahwe und in der anderen Schöpfungsgeschichte nach der Quelle „E“ 35mal Elohim.

Hieraus muss man zwingend die Schlussfolgerung ziehen, dass jemand zwei verschiedene Quellendokumente genommen hat, sie zerlegt und dann in Form einer einzigen, fortlaufenden Erzählung wieder zusammengefügt hat. Beide Quellen müssten von Verfassern stammen, die nach Moses gelebt haben.

Aber es kommt noch besser. Anfang des 19. Jh. entdeckte man nämlich, dass es nicht nur zwei Quellen gab, sondern sogar vier. Zunächst stellte sich heraus, dass es nicht nur viele Dubletten gab, sondern sogar mehrere Tripletten. Dazu kam, dass ein junger Doktorand nachwies, dass sich das 5. Buch Mose sprachlich in verblüffender Weise von den übrigen vier Büchern unterschied: dieses musste daher eine separate 4. Quelle sein.

Die Wissenschaft kennt heute also vier Quellen, die sie wie folgt bezeichnet:

J = Jahwe /Jehova     =  älteste Version mit Zügen einer Natur-
…………………………… und Fruchtbarkeitsreligion

E = Elohim                   =  frühe, darauf folgende Entwicklungsphase

D = Deuteronomium = (nur 5. Buch Mose), später als J und E, früher als P.

P                                    =  behandelt Priester und ihre Gesetze, letztes Stadium

Wer aber waren die vier Autoren, fragt Richard E. Friedmann ? Wann haben sie gelebt ? Warum haben sie geschrieben ? Und wer war schließlich der Redakteur, der die verschiedenen Texte zu einer fortlaufenden Geschichte zusammengefasst hat ?

Die Antwort auf diese Fragen ist in der jüdischen Geschichte zu finden.

Für das Volk der Israeliten gibt es gesicherte Überlieferungen erst ab dem 12. Jahrhundert.

Von größter Bedeutung ist, dass es in der folgenden Zeit 200 Jahre lang zwei Königreiche nebeneinander gab: Israel im Norden und Juda im Süden.

Hinzu kommt, dass die Priester immer aus dem Stamm Levi kamen und dass diese Priesterschaft erblich war. Der König war stets auf die Unterstützung durch die Priester und Propheten angewiesen, ohne deren religiöse Legimitation und Zustimmung konnte er weder ins Amt gelangen noch sich darin halten.

Diese politischen Gegebenheiten und die daraus resultierenden Konflikte waren für die Entstehung der Bibel entscheidend und sie spiegeln sich in ihr wieder.

So wurde unter David je ein oberster Rabbiner aus dem Süden und einer aus dem Norden eingesetzt, um beide bisher getrennte Bevölkerungsteile zu befrieden, und zwar jeweils einer aus den Abkömmlingen von Moses und von Aaron.

Dies bildet die Grundlage für viele Gegensätzlichkeiten und Parteinahmen, die uns in den verschiedenen Teilen der 5 Bücher Mose entgegentreten.

Nach Salomons Tod kam es zu der politischen Zweiteilung des Landes:sein Sohn Rehabeam herrschte über Judäa im Süden, sein Widersacher Jerobeam über Israel im Norden mit der Hauptstadt Sichem.

In den 200 Jahren, in denen die beiden Königreiche nebeneinander bestanden, lebten zwei der Autoren, die an den 5 Büchern Moses geschrieben haben. Jeder verfasste seine eigene Version der Geschichte seines eigenen Volkes.

Der Verfasser von J stammt aus Judäa (Süden) und der Verfasser von E aus Israel (Norden). Wenn wir die Jahwe-Geschichten von den Elohim-Geschichten trennen, dann gibt es zwei zusammenhängende Erzählungen, mit unterschiedlichen und gegensätzlichen politischen Aussagen, welche die Interessen des jeweiligen Landesteiles widerspiegeln.

E zeigt ein besonderes Interesse an König Jerobeam und dessen Politik. Neben vielen anderen bezeichnenden Details streicht er die Rolle von Moses besonders hervor, ganz im Gegensatz zu J.

E dürfte daher ein levitischer Priester aus Israel (Norden) gewesen sein, wahrscheinlich aus Silo, der möglicherweise von Moses abstammte.

Eine Opposition gegen Israel ergibt sich andererseits bei J, wenn es in dessen Version der Gebote heißt:

„Du sollst Dir keine gegossenen Götter machen“.

Wie das ? --Die goldenen Kälber im Tempel von König Jerobeam im Norden waren gegossen, die goldenen Cherubim mit gleicher religiöser Funktion im Süden bestanden aus vergoldetem Olivenholz. J aus dem Süden polemisiert gegen den Norden. J beschäftigt sich zudem ausführlich mit der Geschichte Judas, mit Davids Familie. J stammt vom judäischen Hof.

Daher zwei doch ähnliche Geschichten: E-Geschichten konnten nicht in Judäa und J-Geschichten nicht in Israel willkommen sein.

Wahrscheinlich bestand die eine Version zuerst und die Gegenpartei hat sie ihren Zwecken angepasst.

Die Forschung hat aufgrund solcher Geschichtsbetrachtungen herausgefunden, dass der Verfasser J in Judäa in der Zeit zwischen 848-722 v. Chr. lebte und dass der Verfasser E seine Version in Israel in der Zeit von 922-722 v. Chr. schrieb.

Nun könnte man die Frage stellen, weshalb wurde nicht einer der beiden Texte einfach weggelassen ? Wahrscheinlich waren aber beide Texte so bekannt, meint Friedmann, dass ein Weglassen des einen oder des anderen nicht akzeptiert worden wäre. Wahrscheinlich spiegelt die Vereinigung der beiden Texte zugleich die Wiedervereinigung der beiden Gesellschaften nach 200 Jahren wider.

Von der Quelle P hat man herausgefunden, dass diese aus Judäa stammt, wahrscheinlich aus Jerusalem. Der Verfasser dürfte ein aaronitischer Priester gewesen sein, der zwischen 722-609 v. Chr lebte, zur Zeit des Königs Hiskia.

Ganz anders die Quelle D. Stets spielten große historische Krisen beim Entstehen der Bibel eine besondere Rolle. So das Jahr 722 v. Chr. mit dem Fall Israels durch die Assyrer und das Jahr 587 v. Chr. mit dem Fall Judäas durch Nebukadnezar und der Niederbrennung von Jerusalem.

Das Buch Deuteronomium wurde angeblich auf geheimnisvolle Weise im Tempel aufgefunden, aber die Wissenschaft hat nachgewiesen, dass es kurz zuvor geschrieben wurde. Es sollte die Religionsreform von König Josia rechtfertigen. Die geschichtliche Erzählung endet bezeichnenderweise mit König Josia.

Sodann hat man herausgefunden, dass zwischen dem 5. Buch Mose und dem Buch Jeremia eine besondere Beziehung besteht, indem nämlich beide Bücher sich stellenweise bis in den Wortlaut ähnlich sind. Es besteht darüber hinaus ein auffälliger Zusammenhang zwischen dem 5. Buch Mose und den nachfolgenden 6 Büchern: Josua, Richter 1. und 2. Buch Samuel, 1. und 2. BuchKönige. Diese Bücher fasst man zusammen als „die frühen Propheten“. Die begonnenen Themen werden darin weiterentwickelt. Diese Bücher entstanden um das Jahr 622 v. Chr. und wurden wahrscheinlich von dem Propheten Jeremias geschrieben. Dieser war König Josia wohlgesonnen und verfasste sogar ein Klagelied auf ihn.

Schließlich fand eine Vereinigung all dieser Texte statt, weil sie schon früh allein Moses zugeschrieben wurden und weil sie allseits bekannt waren und man daher nichts weglassen konnte. Der Gesamtredakteur war nach der Einschätzung von Richard E. Friedmann ein aaronitischer Priester, vielleicht Esra.

Die Bibel entpuppt sich damit als ein zutiefst menschliches Werk, im Guten wie im Bösen, in den oft vorhandenen literarischen Qualitäten wie in den ebenso oft propagierten Grausamkeiten. Sie ist vor allem auch ein Spiegelbild menschlicher Interessen in der Zeit ihrer Entstehung.

Die Offenbarung eines Gottes uns Menschen gegenüber ist sie aber nun wirklich nicht.


Robert Zwilling, Heidelberg

 

 

Das Leib-Seele Problem

Eine der ältesten philosophischen Fragen überhaupt ist das Leib-Seele Problem. Kann es eine Seele, losgelöst von unserer materiellen Existenz überhaupt geben? Während fast alle Menschen mit ihrem Leib eine konkrete Erfahrung verbinden, gelingt es kaum jemandem, die Seele näher zu fassen, sobald man nach konkreten Einzelheiten fragt.
Es gilt wohl auch für die ‚Seele’, was Augustinus in seinen Bekenntnissen über die ‚Zeit’ sagte: „Solange mich niemand danach fragt, ist mir’s, als wüsste ich es, doch fragt man mich und ich soll’s erklären, so weiß ich es nicht mehr“. Dennoch finden sich mythische Vorstellungen von einer irgendwie gearteten „ätherischen Substanz“, welche parallel zu unserem Körper existiert, in allen Kulturen und zu allen Zeiten.
Beispiele sind der hebräische „ruach“, der arabische „ruh“, der lateinische „spiritus“, das griechische „pneuma“, im Christentum der „geistliche Leib“ des „soma pneumati-kon“ (etwa bei Paulus) oder das „prana“ und die fünf „koschas“ in der indischen Philosophie. (zitiert nach Thomas Metzinger).
Diese Übereinstimmung beruht wohl darauf, dass die meisten Menschen intuitiv eine unüberbrückbare Trennung zwischen ihren körperlichen und geistigen Erfahrungen empfinden.
So gelangt man leicht zu einer als Dualismus bezeichneten Denkrichtung, die lange Zeit vorherrschte. Sie wurde schon von Platon vertreten (wenn die Seele nach dem Tod unseren Körper überleben kann, dann muss sie auch als getrennte Einheit existieren), sowie später von Descartes und in jüngster Zeit von Karl Popper und John Eccles. Der Dualismus stößt jedoch unter anderem auf die Schwierigkeit, dass es keinen Ort für die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist als getrennte Einheiten gibt. Descartes hoffte noch, dies könnte die Zirbeldrüse sein.
Heute vertritt eine Mehrheit von Philosophen einen sogen. Monismus als eine materialistische Position, welche davon ausgeht, dass die „seelische Substanz“ mit der „körperlichen Substanz“ zusammenfällt. Auf dieser Grundlage muss jedoch noch die Frage beantwortet werden, wie das Bewusstsein materialistisch zu erklären ist.
Auch wäre nochmals darüber nachzudenken, ob die Seele und unser Bewusstsein ein und dasselbe sind oder ob beide neben unserem Körper eine zweite und dritte separierbare Einheit bilden.
Die Neurowissenschaften und die Kognitionsforschung haben in jüngster Zeit durch ihre Beschäftigung mit dem Bewusstsein dem eine weitere Dimension hinzugefügt.
Man beginnt davon auszugehen, dass sogar unser Bewusstsein, so wie wir es subjektiv empfinden, in Wirklichkeit gar nicht existiert.
So schreibt der renommierte Philosoph und Bewußtseinsforscher Thomas Metzinger in seinem soeben erschienenen Buch „Der Ego-Tunnel“:
„Wir stellen uns unser Ich oder Selbst als etwas Eigenständiges vor, als einen Kern, den wir schon immer haben oder der wir im Innersten sind. Dieses „Selbst“ existiert gar nicht. Das bewusst erlebte Ich wird lediglich von unserem Gehirn erzeugt, und was wir wahrnehmen ist nichts als ein „virtuelles Selbst“ in einer „virtuellen Realität“.
Zum Beleg liefert er eine Vielzahl von Beispielen und Beobachtungen aus den Neuro- und Kognitionswissenschaften. So haben manche Menschen, denen von Geburt an ein Arm oder ein Bein fehlt, oft dennoch die Empfindung, diese Gliedmaßen zu besitzen. Große Bedeutung kommt auch den so genannten „außerkörperlichen Erfahrungen“ zu, wobei unser Bewusstsein unseren Körper verlässt und wir diesen, darüber schwebend, von außen betrachten können.
Solche Erfahrungen, über welche zahlreiche Berichte vorliegen und welche bisher als der beste Beleg für das Vorhandensein einer ‚Seele’ galten, werden von der Wissenschaft keineswegs bestritten, sondern jetzt geradezu als Beweis für den virtuellen Charakter unseres Bewusstseins herangezogen.
Wenn unser erlebtes Ich nach Metzinger eine virtuelle Schöpfung unserer Hirnfunktionen ist, so knüpft sich daran natürlich die Frage, ob es überhaupt eine Seele, oder was nicht damit zusammenfällt – einen freien Willen geben kann.

In welcher Weise könnte hier Ernst Schrödinger eine Brücke zu schlagen, wenn er sagt: „Ich bin als bewusst denkendes geistiges Wesen die Person, welche die ‚Bewegung der Atome’ in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen leitet“ ?
 
Mir scheint, dass sich aus dem bisher Gesagten unter anderem folgende Konsequenzen ergeben:
 
Ohne Seele kein Gott, jedenfalls keiner, der sich um uns kümmert. Viele übersehen, dass ohne die Annahme einer Seele auch unsere Gottesvorstellungen obsolet werden. Denn wie sollen wir ihn je erfahren, wenn wir ihm weder im diesseitigen noch im jenseitigen Leben begegnen?
Die Zeiten, als die Götter noch unter den Griechen wandelten, Moses Anweisungen gaben und Jesus Christus die Toten wiedererweckte, sind mit der Aufklärung wohl endgültig vergangen. Niemand hält es ernsthaft für möglich, dass sich auch heute noch ein Gott in ähnlicher Weise den 6 Milliarden Erdenbewohnern unmittelbar offenbart.
So bleibt nur die Möglichkeit, Gott nach diesem irdischen Leben zu begegnen und das könnte nur der Seele gelingen.

Die Seele ist das Vehikel, in das wir nach unserem Tod umsteigen. Sie ist das Rettungsboot, in welchem wir beim Untergang unseres Lebensschiffes das Heil suchen. Dies zeigt sich in vielen mythischen Vorstellungen, und so auch, wenn Charon uns über den Styx übersetzt.
 
Die Seele ist auch eine Ausgeburt unseres biologischen Selbsterhaltungstriebes, der stärksten Regung überhaupt, die uns beherrscht. Sie entspricht unserer Neigung und unserem Bedürfnis, unsere durchaus berechtigten Wünsche und Hoffnungen mit Bildern und Vorstellungen auszufüllen, die ohne eine solche Hilfe eine für viele unerträgliche Leere hinterlassen würden. Wir füllen dieses Vakuum provisorisch mit mythischen Bildern aus. Aber gerade wegen der erkennbar subjektiven Genese dieser Seelenvorstellungen, bleibt die Frage, wie weit diesen eine reale Existenz zukommen kann.
 
Weitere Punkte, die hier wegen der gebotenen Kürze nicht behandelt werden können:
 

  • Wo bleibt die Seele, solange wir leben und können wir sie wahrnehmen oder ist sie in dieser Zeit nicht existent? Tritt sie gar erstmals mit dem Tod auf?
  • Ist die Seele mit unserem erfahrbaren Bewusstsein identisch oder kommt ihr daneben eine nicht erfahrbare, unabhängige Existenz zu?
  • In welchem Zustand verharrt die Seele eines Kindes, das mit einem Monat verstorben ist und noch gar kein Ich-Bewusstsein entwickeln konnte? Oder eines Demenzkranken, der es wieder verloren hat? Auf welche Weise werden sie je mit ihren Angehörigen kommunizieren können?
  • Kann die Seele überhaupt ohne bewusstes Erleben existieren?
  • Haben Tiere kein Bewusstsein?Und haben sie keine Seele?
  • Kann die Seele ewig existieren und was heißt dann ‚ewig’?
  • Kann der Geist, kann die Seele auch ohne Körper existieren?
  • Sind wir in unserem Denken und Wollen frei?
  • Könnten auch Computer einen Geist oder gar ein Bewusstsein entwickeln?

Robert Zwilling, Heidelberg